Viele Kollegen und Freunde haben mir schon darüber berichtet welch gutes Preis-Leistungsverhältnis ein Maßgeschneiderter Anzug aus Thailand hat. Auf unserer Reise vor zwei Jahren waren wir leider nicht lange genug an einem Ort um dies in Ruhe mal auszuprobieren, außerdem hatten wir damals noch 4 Monate Reise vor uns, in denen wir keine unnütze Kleidung mit uns herumtragen wollten. Dieses mal sind wir jedoch 6 Tage in Chiang Mai und fliegen danach nach Hause, also auf zum Schneider!
Schneider gibt es in Chiang Mai (wie auch in Bangkok) wie Sand am Meer. Man hat hier natürlich stets Angst, an einen schlechten oder an einen Abzocker zu geraten. Ein Glück gibt es ja Tripadvisor! Aber, moment! Dort gibt es bestimmt 15 Schneidereien, die auch alle 4,5 oder gar 5 Sterne bekommen. Und viele gute Bewertungen stammen von Leuten, die nur eine einzige Bewertung bei Tripadvisor verfasst haben. Das ist mir ein bisschen suspekt. Ein Glück sind wir ja kommunikative Leute und so fragen wir uns einfach durch. Sowohl ein deutsches Pärchen, dass wir beim Frühstück getroffen haben, als auch unsere Hostel-Mama empfehlen “New Moda Tailor”. Der hat auf Tripadvisor natürlich auch 5 Sterne. Wir glauben dem Dreigestirn aus Reisebekanntschaft, Hostel-Mama und Tripadvisor und laufen die wenigen Meter vom Hostel zum Schneider. Dieser ist übrigens im Osten der Altstadt.
Ich hatte fast erwartet, dass es bei den Schneidern sogar ein wenig Gedränge gibt, da ich davon ausging, dass sich sehr viele Leute Klamotten schneidern lassen. Dem ist aber wohl nicht so. Die meisten Schneidereien sind die meiste Zeit des Tages leer. So auch unsere, das ist natürlich gut für uns. Wir also rein und ein kleiner indisch aussehender Mann mit Namen “Lucky” begrüßt uns freundlich und fragt, was er für uns tun kann. Ich sprach von einem Anzug und durfte mir daraufhin erst mal ein paar Schnitte in Katalogen anschauen. Von Armani über Boss und Lacoste bis zu Ralph Lauren ist alles dabei und auch alle mir bekannten Anzugvariationen sind irgendwo auf Fotos zu sehen. Weite Krägen, schmale Krägen, runde Krägen, hohe Krägen, tiefe Krägen, tiefe Ausschnitte, hohe Ausschnitte, zwei Knöpfe, drei Knöpfe, etc.
Ich diskutiere anhand der Fotos ein bisschen mit Lucky und beschreibe grob was ich so möchte, einiges fragt er, anderes kommt von mir. Dann geht es direkt mal um den Preis. Er hat verschiedene Stoffqualitäten in denen er mir das Gewünschte schneidern kann. Er rechnet in Euro, das macht es für uns einfach. Los geht es bei 100€ für einen kompletten, dreiteiligen Anzug, 250€ kostet die teuerste Variante. Bei den Preisen hat er durchaus noch ein wenig Verhandlungsspielraum. Wir haben mehrere Teile bei Ihm in Auftrag gegeben, woraufhin er mit dem Preis nochmal spürbar nach unten gerutscht ist.

Abhängig vom gewählten Preisniveau werden Stoffe ausgesucht. Ich entscheide mich an dieser Stelle dafür, zwei Anzüge und zwei weitere Hemden fertigen zu lassen, da mir die Stoffe sehr gut gefallen. Direkt in dem Moment in dem ich dies Kundtue, wird der Preis für das Gesamtpaket errechnet und wie bereits beschrieben direkt ohne Verhandlung Rabatt abgezogen weil ich mehr nehme als den einen Anzug den ich initial wollte. Der teuerste Stoff ist Kaschmir, welches er auch kurz mit dem Feuerzeug anzündet um zu beweisen, dass es auch wirklich nach Haar riecht, wenn es brennt. Er zündet auch anderen Stoff an, auf dem ebenfalls Kaschmir steht, welcher dann nach Plastik riecht. Er bezeichnete das dann als “Chinese Cashmir”. Ich spüre vom reinen Anfassen her keinen Unterschied, bin aber auch kein Experte.
Conny möchte nur ein Teil schneidern lassen und zwar einen Blazer, das Prozedere war bei ihr komplett identisch.

Nachdem wir die Stoffe gewählt haben, geht es ans Ausmessen. Dazu zieht sich Lucky einen Mundschutz um und beginnt an allen möglichen Stellen zu messen. Ich hätte ursprünglich gedacht, dass er drei oder vier Maße aufschreibt, es sind aber tatsächlich eher 7 oder 8. Erinnern kann ich mich an Beinlänge, Beindicke, Armlänge, Schulterbreite, Halsumfang, Brustumfang, Taillenumfang und Bauchumfang.

Das war es dann fürs erste. Wir zahlen und sollen am nächsten Abend für das erste Fitting wiederkommen.
Erstes Fitting
Nur etwas mehr als 24 Stunden nach unserem ersten Erscheinen beim Schneider, sind wir zur ersten Anprobe wieder vor Ort. Die erste meiner beiden Anzughosen ist bereits zusammengenäht, jedoch an einigen Stellen etwas Eng. Die betreffenden Stellen werden mit Kreide an der Hose markiert. Die Länge passt schon perfekt, der Stoff ist genau der, den ich ausgewählt habe. Die zweite Hose, erzählt Lucky, wird jetzt erst gestartet, da man schauen wollte wie die erste sitzt. Ich darf zudem bereits einen Stofffetzen überziehen, der vage an ein Sakko erinnert. Hier wird abgesteckt, wie eng das Jackett später sitzen soll und wie lang es werden soll. Zudem werde Knopfpositionen und die Ausschnittlänge diskutiert. Mein erstes Hemd ist bereits fertig zur Anprobe. Die Armlänge und Kragenweite passen perfekt, ein wenig zu weit ist es. Die nötige Änderung wird kurz abgesteckt, das wars. Das zweite Hemd wird auch erst jetzt begonnen.
Conny muss sich auch eine Rohfassung ihres Blazers überwerfen, damit Länge, Weite und Knopfpositionen bestimmt werden können. Der ganze Prozess dauert in etwa eine halbe Stunde.

Zweites Fitting
48 Stunden nach dem ersten Fitting sollen wir wieder vorbeischauen zur zweiten Anprobe. Sowohl beide Hosen als auch beide Sakkos und auch beide Hemden sind nun bereits in einem sehr fertigen Zustand. Die Hemden sind sogar komplett fertig. Sie passen wie angegossen. Super. Die Hose, die beim ersten Fitting noch nicht fertig war, sitzt wie die andere auch ein wenig eng, die Länge passt jedoch direkt. Das zugehörige Sakko passt von der Länge her ebenfalls wie vorher spezifiziert, ist jedoch ein wenig weit. Das Revers möchte ich noch ein wenig schmaler haben, von der Form her ist es jedoch wie spezifiziert. Erst jetzt bemerke ich, dass ich über den Stoff im Innern des Sakkos keine Wünsche geäußert hatte, er wurde aber sehr stilvoll gewählt. Der zweite Anzug passt perfekt. Die Hose, die ich beim ersten Fitting bereits anprobiert hatte, wurde etwas weiter gemacht und sitzt nun wie angegossen. Das Sakko entspricht dem des anderen Anzugs. Auch hier wird es noch ein wenig enger geschnitten und das Revers etwas schmaler gemacht. Im großen uns ganzen sind wir schon sehr nah an der Perfektion. Bei Anzügen von der Stange hätte ich beide so mitgenommen. Da aber jegliche Anpassungen im Preis enthalten sind, kann man hier durchaus auch mal kritisch sein, es soll ja immerhin ein Maßanzug sein. Auch Lucky und sein Chef haben uns dazu ermutigt, kritisch zu sein und darauf zu achten, dass alles perfekt passt. Dann machen wir das mal.

Connys Blazer ist ebenfalls nahezu fertig. Die Länge entspricht dem vorher vereinbarten Maß und auch die Knopfhöhe ist korrekt. An der Taille wird das Kleidungsstück noch etwas enger gemacht und die Ärmel werden ebenfalls etwas enger gemacht.
Nach dem zweiten Fitting kann man sich schon sehr gut vorstellen, wie das fertige Produkt aussehen und passen wird. Wir sind bis hier hin begeistert. Leider war meine Anmerkung, dass ich zu einem der Anzüge gerne eine Weste hätte, irgendwie untergegangen und als ich nach der Weste fragte stieß ich auf große Augen. Lucky schaute nochmal im Bestellschein nach, in dem auch keine Weste auftauchte, dafür aber jedes gewünschte Kleidungsstück mit kleiner Zeichnung. Da der Stoff aus dem mein Anzug gefertigt wurde, nicht mehr für eine Weste reicht, verspricht mir Lucky, dass er mal bei befreundeten Läden anfragt, ob die den Stoff noch da haben. Wenn ja, klappt das mit der Weste noch, falls nein, täte es im Leid, aber dann wäre es nicht mehr möglich. Immerhin ist unsere Abreise bereits in 48 Stunden. Ich hoffe natürlich das das noch klappt, habe aber daraus gelernt, auch Details explizit und notfalls halt mehrfach zu erwähnen. Sicher ist sicher.
Drittes Fitting
Das dritte Fitting findet nochmal 24 Stunden später statt und sollte eigentlich keine Anpassungen mehr bereithalten. Bei Conny stimmt das auch. Einmal anprobieren, einmal nicken, fertig ist der Blazer. Sitzt, passt und hat Luft. Leider jedoch kein Foto zur Hand von Connys Blazer.

Ich ziehe beide Hemden und beide Anzüge nochmal an und ertappe mich dabei wie ich sehr kritisch bin. Einer der Anzüge sitzt marginal besser als der andere und das erwähne ich natürlich auch. Sofort ist Lucky zur Stelle und verspricht die Änderungen bis zum nächsten Tag, unserem Abfahrtstag, fertig zu haben. Mit Ausnahme dieser Kleinigkeit sitzen beide Anzüge wirklich perfekt. Die Sakkos schließen ohne den Bauch einzuziehen und sitzen dann auch sehr tailliert, die Länge ist perfekt und der Kragen wurde im Vergleich zum letzten Fitting wunschgemäß etwas schmaler gemacht. Die Hosen haben beide die richtige Länge und sitzen beide besser als jeder Anzug von der Stange. Ich habe relativ massige Oberschenkel, die aber auch hier perfekt in der Hose stecken. Als Dankeschön für den Kauf zweier Anzüge gibt es zwei Seidenkrawatten gratis dazu, sehr nett! Aus einem ganzen Bündel Krawatten darf ich mir zwei aussuchen. Ich habe sie auch nochmal umgebunden und mit dem jeweiligen Sakko betrachtet und eine nochmal gegen eine andere getauscht.
Wir schlugen vor, die Anzüge am Folgetag abzuholen, woraufhin Lucky meinte, dass das ja viel zu viel Aufwand für uns wäre, immerhin wären wir ja schon 4 mal da gewesen. Er besteht darauf, uns die fertigen Klamotten ins Hostel zu liefern. Wir willigen ein und am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit ist auch alles an Ort und Stelle. Einziger Wehrmutstropfen ist, dass meine Weste tatsächlich nicht mehr geklappt hat. Halb so schlimm, sobald der Stoff wieder da ist, schreibt mir Lucky eine Mail und ich kann entscheiden, ob ich die Weste noch möchte. Maße und alle gemachten Anpassungen bei den Fittings wurden peinlichst genau dokumentiert, ich habe wenig Zweifel daran, dass die Weste auf Anhieb passen würde, wenn sie per Post in Deutschland ankäme. Die Weste sollte übrigens 1500 TBH kosten, das wären dann etwa 40 Euro.
Extra für die maßgeschneiderten Waren haben wir uns einen kleinen Koffer gekauft, da wir sie im Rucksack nicht verknittern wollten. Mit diesem Koffer befinden wir uns gerade auf dem Heimweg und sind insgesamt sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ein paar Kleinigkeiten würden wir das nächste mal vielleicht etwas anders oder expliziter formulieren, damit nichts hinten runterfällt und weniger Details der Fantasie des Schneiders überlassen sind. Einzig der Langzeit-Alltagtest steht jetzt noch aus. Wir sind gespannt.