Das Knie tut weh, die Füße stinken, höchste Zeit ein Bier zu trinken! Bier gibt es aber leider nicht, nur ein trockenes Nutella-Toast, bevor ich nach einer unruhigen Nacht um 7:30 Uhr die Iris Burn Hütte verlasse.
Die 1000 Höhenmeter, die ich gestern heruntergehumpelt bin, muss ich nun alle wieder hoch. Verdammt. Obwohl: Hoch fällt mir leichter als runter, mein Knie zwickt wie gesagt ganz ordentlich. Ich freue mich schon auf den Nachmittag: What goes up, must come down
Während ich mich nach oben arbeite, streift die Morgensonne die ersten Berggipfel. Ich sehe das leider nur von unten und ärgere mich, dass ich nicht 30 Minuten eher losgezogen bin, denn kurz darauf erreiche ich auch schon die Baumgrenze. Den Anstieg kann ich aber keinem empfehlen.
Von der Baumgrenze aus sieht man schon viel Panorama bei blauem Himmel und Sonnenschein! So habe ich mir das vorgestellt. Nichts wie rauf auf den Aussichtspunkt von gestern Nachmittag, der ist noch ein paar Meter höher!
Um mich herum sind schneebedeckte Gipfel, dunkle Täler und noch mehr Gipfel und noch mehr Täler! Das alles in der tollsten Morgensonne und der klarsten Bergluft, die man sich vorstellen kann. Ich bin happy.
Ich frühstücke einen Müsliriegel und ein bisschen Schokolade. Das ist denke ich mal ein Frühstück an das ich mich noch in Jahren erinnern werde. Schnell ein paar Erinnerungsfotos!
Es ist tatsächlich sehr kalt hier oben am Morgen. Die weiße Färbung der Gipfel kommt ja auch nicht von ungefähr, hier hat es nachts ein wenig geschneit und ein wenig mehr gefroren. Auch die Gräser und Büsche, die hier noch wachsen sind alle vereist.
Irgendwann muss ich mich losreißen, so schwer es auch fällt. Ich bin mit dem Problem aber nicht alleine, ein netter Slowake hat das gleiche Problem und schon 100 Fotos mehr als ich auf der Kamera, auch wenn das kaum möglich erscheint. Wir wandern ein Stück gemeinsam und genießen die Aussicht. Der Blick ist gigantisch. Sowohl in die Richtung in die wir noch gehen müssen als auch zurück in Richtung Lookout, von dem wir uns nur so schwer losreißen konnten.
Die Berggipfel des Nachbargebirges hängen inzwischen aber schon wieder in den Wolken, nachdem sie gestern Nachmittag und heute in der Früh noch frei gewesen sind.
Noch ein paar letzte Fotos von dem tollen Lookout und weiter geht die Reise, denn ich habe heute noch einen langen Weg vor mir.
Mein Blick schweift beim Wandern immer wieder in Richtung weiße Gipfel ab, denn so hoch muss ich heute noch klettern. Dort oben sind wieder die Gebirgssattel über die man wandert, das ist dann auch so ziemlich der höchste Punkt des Tages.
Um dort hoch zu kommen, muss man wieder einiges an Treppen hinter sich lassen, ich war echt froh, als ich die hinter mir hatte. Inzwischen merke ich auch die gestrige Etappe und den Kraftakt am Morgen in meinen Beinen. Und ich habe noch nicht mal die Hälfte heute!
Oben auf der Bergkuppe sieht man in der Ferne schon den ersten Shelter, das wäre dann in etwa 1/4 der heutigen Strecke, eher etwas weniger.
Je höher ich komme, desto vereister und verschneiter ist um mich herum alles. An einigen Stellen hört man es knistern, da dort der vereiste Boden von der Morgensonne aufgetaut wird. An anderen Stellen stapfe ich durch 5 cm Schnee. So richtig Winter ist hier ja noch nicht mal, gerade mal Herbst.
Der Berg nebenan hing gestern auch noch in den Wolken und auch diesen kann ich nun völlig Wolkenfrei bestaunen, während ich durch ein wenig Schnee stapfe. Damit hätte ich auch nicht gerechnet. Gut, dass ich genug dicke Klamotten dabei habe und vorgestern extra noch eine Mütze gekauft habe! Die alte habe ich irgendwo verloren.
Vom ersten Shelter aus hat man eine grandiose Sicht auf das Tal in dem ich die Nacht verbracht habe. Auf dieser Seite des Berges ist das Wetter auch noch einigermaßen gut. Auf der anderen Seite der Bergkuppe sammeln sich schon wieder die Wolken. Verdammt.
So komme ich wieder nur in Teilen zu den heißersehnten Bergpanoramen auf die Kepler Mountains, denn die hängen nun natürlich alle wieder in den Wolken. Auch mein unechter Fjord versteckt sich größtenteils in weißer Zuckerwatte, schimmert allerdings immer mal wieder in schönstem Blau durch die Wolkendecke!
Ich erreiche kurze Zeit später den ersten Sattel und stelle erst einmal fest, dass die Berge nur von einer Seite zugeschneit sind, nämlich von meiner rechten Seite. Links ist der Hang völlig frei, da wissen wir ja von wo der Wind letzte Nacht kam. Das sind glaube ich wieder diese Winde aus der Antarktis, die wir letztes mal schon hatten.
Heute ist der Kepler Track auch relativ voll mit Leuten, es ist immerhin noch die Osterwoche und viele haben frei. Die meisten, die ich treffe sind somit auch tatsächlich Kiwis und weniger Touristen.
Ich quäle mich zurück den Weg, den ich gestern voller Vorfreude gekommen bin und das Wetter wird immer schlechter. Es nieselt immer häufiger und die Wolken werden auch wieder dichter, so dass sich meine Sicht auf die nächstgelegenen Berge beschränkt. Naja, besser als nichts.
Ich lasse erneut Mount Luxmore hinter mir, den sehe ich ja nun schon zum vierten mal. Von hier ist es zur Luxmore Hut nur noch ein Katzensprung.
Jetzt wird das Wetter natürlich wieder besser, so dass ich von hier nochmal auf die Hütte und ins Tal blicken kann. Ich kehre in der Luxmore Hut noch ein letztes mal auf einen NoodleCup und ein Nutellabrot ein und gönne meinem Knie eine letzte Pause, bevor es bergab geht.
Von hier aus kann man bereits hinunter auf Te Anau schauen, wo ich ja dann in wenigen Stunden hoffentlich ankommen werde. Goodbye Kepler Mountains.
Ich blicke noch ein letztes mal in Richtung Berge und starte dann den beschwerlichen, 4-stündigen Abstieg. Hoffentlich kommt Conny mir bald entgegen!
Auch wenn ich bergab geflucht habe wie ein Rohrspatz: Es hat sich voll gelohnt, nochmal hier zu wandern. Ich habe ja eine absolute Schwäche für Alpine Panoramen und genau diese gibt es auf dem Kepler Track zur Hauf. Ich glaube das war die schönste (und anstrengendste) Wanderung meines Lebens!
Ein Glück kommt Conny mir eine halbe Stunde vor Schluss enthusiastisch entgegen und trägt ab dort meinen Rucksack! Ich bin nämlich mit den Kräften am Ende und humpele “wie ein Roboter” (O-Ton Conny)! Ein letztes Erinnerungsfoto und wenige Minuten später liege ich in unserem Camper und schlafe. Puh!


